Beim Murgos-Umzug durch Moabit 2023
Braian Cacciavillani und Andrés Magdits beim Interview im Zilleklub (von rechts)
Kinder machen gern mit
Viele Leute bei der Murga im Park
Yoser Georgiadis, Andrés Magdits, Braian Cacciavillani und Constanza Vigilante (von links)

Die Murgos von Moabit

Trommeln, singen, schminken, Texte rezitieren und mehr...

Über Murga, eine Art argentinischen Karneval in Berlin

von Gerald Backhaus 

Eigentlich muss man eine Murga im Freien erleben, doch ist es Ende Januar in Deutschland zu kalt und zu früh dunkel, also treffen wir uns an einem Dienstagabend in der ersten Etage des Zilleklubs in der Rathenower Straße. Die beiden "Murgos" Braian Cacciavillani und Andrés Magdits erwarten mich im Theatersaal. Hier wird normalerweise jede Woche einmal geprobt. Damit heute die Zille-Jugendlichen hier Sport treiben können, wechseln wir zum Interview in einen kleineren Raum. Yoser Georgiadis und Constanza Vigilante stoßen zum Gespräch hinzu. Getrunken wird Mate-Tee. Murga geprobt werden kann heute nicht, weil zu viele Mitglieder der „Murgos“ erkrankt oder gerade in Argentinien sind. Darunter ist auch der Mann mit den Schlüsseln zum Abschließen der Proberäume.

Murga, der Straßenhund

Der Name der Gruppe „Murgos“ leitet sich ab vom spanischen Wort Murga. "Das kommt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet sowas wie Straßenhund", so Braian. Murga ist eine Mischung aus Musik, Tanz, Gesang und dem Vortrag von Liedern und politischen Texten, besonders von Gedichten, sowie von fantasievollen Kostümen und Dekorationen. Bereits im Jahr 1876 erwähnte die Zeitung „El Ferrocarril“ in Uruguay den Begriff Murga. Mit den klassischen Elementen des Karnevals im südspanischen Cádiz und auf den kanarischen Inseln verschmelzen afroamerikanische Elemente, die die Sklaven aus Afrika nach Südamerika mitgebracht hatten. Murga stelle ein neues Genre dar, „die Musik einer multikulturellen Gesellschaft im Montevideo des späten 19. Jahrhunderts“, so die Enzyklopädie Wikipedia.

Karneval in Argentinien

Eine ganz eigene Variante sei die Murga als Karneval im argentinischen Buenos Aires und im gesamten Mündungsgebiet des Rio de la Plata, heißt es weiter. Murga bezeichnet in Argentinien nicht nur die Gruppen aus Tänzern, Sängern und Trommlern, sondern auch den Karneval an sich. In Argentinien finden unterschiedliche Arten von Karneval statt, erzählt Braian. Im Norden z.B. ist es ganz anders. Murgas ist sehr beliebt in der Provinz von Buenos Aires. Der Karneval dauert den ganzen Sommer über an und bestimmt für Wochen das Straßenbild in der argentinischen Hauptstadt.

Braian und Andrés lernten sich bei einer Murga im Park kennen 

Braian, der seit 2012 in Deutschland lebt, ist Argentinier. Er hat Kunst und Geschichte studiert, als Tischler gearbeitet und ist Vater zweier Kinder. Andrés stammt aus Peru, sein Großvater war auch Argentinier. Er lebt seit 2016 in Deutschland und lernte Braian 2021 bei einer Murga im Humboldthain-Park kennen. Braian musizierte, und Andrés war ganz beeindruckt von seinem riesigen Instrument, einer großen Trommel (Bassdrum). Er ist inzwischen auch als Schlagzeuger/Percussionist bei den Murgos dabei. Für Braian ist Murga als eine multi- und interdisziplinäre Kunstform. Eine Murga fasziniert durch ihre Vielfältigkeit. Jeder kann dabei etwas finden, das ihm Spaß macht, auch wenn man selbst kein Musikinstrument spielen kann.

„Wir haben Spaß als Gruppe“

...sagt Braian ganz begeistert. Insgesamt machen bei seiner Truppe etwa 30 Leute mit. Von den Mitgliedern stammen die meisten aus Lateinamerika: Argentinien, Peru, Chile und Guatemala. Weitere kommen aus Italien und natürlich aus Deutschland. Die Alterspanne liegt zwischen Anfang 20 und über 50 Jahren. Unter den Männern und Frauen sind neben Künstlern und Studenten auch Ärzte, Anwälte und Biologen vertreten. „Begonnen haben wir als Murgos vom Humboldthain“, berichtet Braian von den Anfängen im Park. Er begreift sich nicht als Chef - weil die Murgos ohne Hierarchie arbeiten - sondern maximal als Sprecher der Gruppe, denn

„jeder von uns hat eine relative Autorität.“

Bevor die Moabiter Murgos 2023 dann im Zilleklub ihr Winterquartier fanden, probten sie - als Teil des dortigen Theaterkollektivs - in der Kulturfabrik (Kufa). Danach gab es als Zwischenquartier ein kirchliches Kulturzentrum BKK Linde in Reinickendorf. „Wir sind auch schon zusammen mit der Artistania Künstlervereinigung Neukölln unangemeldet beim Karneval der Kulturen mitgelaufen, und beim Karneval für die Zukunft aufgetreten. Wir bieten etwas für Augen und Ohren und möchten politisch und mit Humor die öffentlichen Orte dekolonisieren, also zurück erobern“, erzählt Andrés. 2023 gab es eine Murga-Werkstatt in Belgien. Außerdem fuhren sieben Mitglieder der Moabiter Murgos zu einem Festival nach Rom, wo sie mit rund 300 Murga-Begeisterten zusammen feierten.

Mit Stöcken auf Dosen und Kübel einschlagen 

Einwanderer aus dem Rheinland brachten die Traditionen des Kölner Karnevals im 19. Jahrhundert an den Río de la Plata, wo sie mit der Musik der früheren Sklaven zu einer eigenständigen Volkskultur verschmolzen. Wie man sich das vorstellen kann, wenn man es noch nicht erlebt hat? Mit Stöcken wurde auf Dosen und Kübel eingeschlagen und „bewaffnet“ mit Mehl, Eiern und Farbe zogen die Karnevalisten durch die Straßen, so die Legende. Laut singend, tanzend zogen sie die Obrigkeit und feine Gesellschaft mit anzüglichen Sprüchen durch den Kakao. Da konnte es passieren, „dass ein als Esel verkleideter Mann statt des Priesters die katholische Messe hielt“, erzählt Braian.

Während der Militärherrschaft gab es Zensur

Zu Zeiten der Militärdiktaturen in Argentinien galten die Murgas und der Karneval allgemein als zu aufmüpfig und fast verboten. Es gab Zensur, zuletzt während der Militärdiktatur von Videla von 1976 bis 1983. Ganz unterdrücken ließen sie sich jedoch nie.

Murga in Moabit

Murga schließt laut Braian eine Lücke „als soziale Komponente, und zwar überall dort, wo der Staat fehlt.“ Das ist auch ein Grund dafür, warum die Gruppe künftig gern Moabiter Jugendliche bei ihren Murgas einbeziehen möchte. „Im Sommer laufen sicher wieder viele bei uns im Park vorbei und möchten gern einmal ausprobieren, die große Trommel zu schlagen,“ so Andrés. Der Anfang für die Arbeit mit der Nachbarschaft wurde 2023 gemacht, als es im September unter dem Motto „Corso Murgo“ im und um den Zilleklub einen Murga-Tag gab. Diese Veranstaltung wurde aus dem Aktionsfonds des Quartiersmanagements Moabit-Ost finanziell unterstützt.

Und wie geht es weiter?

Ein Vorhaben für die Zukunft ist, eine kleine Murga-Gruppe zu formieren, die wie eine Musikband auf Bühnen auftreten kann. „Wir wollen uns mehr auf unsere Kreativität konzentrieren und damit für Sommerfestivals bewerben. Außerdem laufen wir im Mai beim Karneval der Kulturen zusammen mit der Initiative ‚Nie wieder Krieg’ (‚Nunca más’).“ Braian lacht: „2024 wird ein Murgos- Sommer!“

Kontakt zu den Murgos 

Braian Cacciavillani - Telefon: 0157 33 98 40 96, E-Mail: die.murgos@gmail.com, Facebook: Murgos Von Humboldt, Instagram: @die_murgos

Text & Interview-Fotos: © Gerald Backhaus 2024, alle Murga-Fotos: © Murgos