„mowe“ - ein Festival für Kunst und Stadtkultur im Mai 2026 in Moabit und Wedding
Lukas Staudinger und Christian Haid im Interview
von Gerald Backhaus
Ein Interview, das ausnahmsweise mal nicht in Moabit stattfindet. Ich treffe Lukas Staudinger und Christian Haid im Büro von „Poligonal" am Engeldamm, dort wo der Bezirk Mitte endet und Kreuzberg beginnt. Hier sitzt die künstlerische Leitung und hier laufen die Fäden für „mowe“ zusammen. Das ist ein neues Festival für Kunst und Stadtkultur, das die Stadtteile Moabit und Wedding im Mai 2026 in eine Bühne verwandeln möchte. Daher auch der Name „mowe“, er kommt von den beiden Wortanfängen von Moabit und Wedding. Über drei Jahre hinweg sollen Räume für Begegnungen entstehen, erzählen die beiden „mowe“-Macher. Dabei möchten sie konkret drei kuratorische Schienen bedienen, in dem sie „queere, migrantische und urbane Praxis" sichtbar machen werden.
Kunst auf der Straße, in Kneipen und Gärten…
Das Festival organisieren die beiden Österreicher zusammen mit ihrem dreiköpfigen Team dezentral. „Mowe“ soll eine Vielzahl von Ateliers und Projekträume öffnen, Kunst auf die Straßen bringen, auf Dächer, in Hinterhöfe und Nachbarschaftsgärten, in Kneipen, in Imbissbuden, einen Waschsalon und an unbekannte Orte wie alte Fabrikgebäude, und auf - wie Lukas Staudinger formuliert - „auf postindustrielle Brachen". Dazu soll es neben „performativen Spaziergängen und Stadtrauminszenierungen" auch Mitmachaktionen für die Nachbarschaft geben. Darunter sind Programmpunkte speziell für und mit Jugendlichen und Familien geplant. Veranstalter “Poligonal” beauftragte mehrere Leute, die sich gut in ihren Kiezen auskennen, als Scouts mit der Suche nach geeigneten Orten in den verschiedenen Ecken von Moabit und Wedding. Natürlich wurden dabei auch Akteure vor Ort, lokale Künstler, Institutionen und Initiativen mit einbezogen.
Wer ist bei „mowe“ dabei?
Dazu gab es einen offenen Aufruf und eine Auftaktveranstaltung im November 2025 im „studio dB“ in Wedding. Eine sagenhafte Zahl von 350 Beiträgen wurden eingereicht. Ins Festival einbinden können Staudinger, Haid und ihr Team rund 110 davon mit der umfassenden Unterstützung vieler lokaler Institutionen und Initiativen. Beratend zur Seite steht ein ehrenamtlicher Beirat ausgewählt, in dem sich u.a. Anna Latzko beteiligt. Sie war die künstlerische Leiterin des bekannten Moabiter Kunstfestivals „Ortstermin", für das kurz vor seinem zwanzigjährigen Jubiläum Schluss war. 2025 gab es dieses Festival wegen mangelnder Finanzierung schon nicht mehr. Das Bezirksamt Mitte fand für die bisherige „Ortstermin"-Förderung eine Art Ersatz in Form einer neuen Ausschreibung für ein gemeinsames Festival für Moabit und Wedding unter dem Titel „mowe“.
Veranstaltungsformate mit Perspektivwechsel
„Poligonal" erhielt im Ausschreibungsverfahren dann durch eine Jury den Zuschlag, dieses Festival zu gestalten, zu kuratieren und zu organisieren. Was das neue „mowe“-Festival mit dem etablierten „Ortstermin" verbinden soll, ist, dass Kunst hier nicht in Museen zu sehen ist, sondern direkt vor der Haustür. „Poligonal" gewann die Ausschreibung mit einem Konzept, dass Veranstaltungsformate vorsieht, die Perspektivwechsel ermöglichen sollen. Ein Schwerpunkt von „mowe“ sei neben dem Festival im Mai 2026, dessen nächste Ausgabe 2027 stattfinden soll, das Netzwerken und Kennenlernen zwischen lokalen Künstlern, Initiativen und Kulturschaffenden sowie der Bewohnerschaft von Moabit und Wedding, betont Christian Haid.
Lukas Staudinger ist Architekt und Kurator für urbane Praxis. Er studierte Architektur an der Akademie der Bildenden Künste in Wien sowie an der Universität der Künste in Berlin. Einen Masterabschluss erwarb er an der Londoner Goldsmiths University. Seit 2010 lebt Staudinger in Berlin, und seit 2024 ist er Professor für Architektur und Urban Design an der Berlin International University of Applied Sciences.
Sein Partner Christian Haid hat seinen Magister in Architektur an der Akademie der Bildenden Künste Wien gemacht. Er promovierte im Fachgebiet Stadtsoziologie an der Humboldt Universität zu Berlin. Aktuell arbeitet Haid als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent für Stadtentwicklung an der TU Berlin. 2018 gründeten die beiden „Poligonal“.
Haid und Staudinger sehen sich gleichzeitig als Kuratoren und Forscher. Haid ist seit 2024 im Vorstand des Vereins Urbane Praxis e.V. mit Sitz im Wedding, der interdisziplinäre Projekte macht, die Gemeinwohl interessiert sind und in keine Schublade passen. Als „Poligonal" hatten Staudinger und Haid zuletzt eine Ausstellung über die Künstlerin Helga Goetze, eine Aktivistin der Frauenbewegung in den 1970 und 1980er Jahren, im Museum Villa Oppenheim in Charlottenburg-Wilmersdorf kuratiert. Das war eine Zusammenarbeit mit der Stiftung Stadtmuseum Berlin und dem feministischen Archiv FFBIZ, die der Hauptstadtkulturfonds ermöglicht hatte.
Die Eröffnung des „mowe“-Festivals findet am 8. Mai 2026 in Kooperation mit “Operation Himmelblick”auf einem Weddinger Kaufhausdach statt, und zwar auf dem Parkdeck des Einkaufszentrums CTiTiPOiNT Berlin in der Müllerstraße 141.
Weitere Höhepunkte aus dem Festivalprogramm…
…die mir Lukas Staudinger und Christian Haid Anfang April schon verraten werden können: Neben Konzerten, Workshops, Lesungen gibt es auch experimentelle Formate wie ein „drag-angeleitetes“ Training im Calisthenics Park, einen Moon-Walk (Spaziergang bei Mondschein) im nächtlichen Park, einen Spaziergang entlang der Panke, in dem urbane Infrastruktur, Industriegeschichte und Heilungsprozesse des Flusses lesbar gemacht werden, eine Fahrradtour zu Orten mit „queerer Geschichte“, eine Chor-Performance auf dem Dach des ZK/U sowie die Gruppenausstellung „Fluid Icons“ im neuen CMC Studio am Charlottenburger Verbindungskanal. Das gesamte Programm wird am 22. April 2026 auf der Webseite von “mowe” veröffentlicht.
Kontakt zu „mowe“ und „Poligonal“:
www.mowe.berlin https://www.instagram.com/mowe_festival/ www.poligonal.de https://www.instagram.com/poligonal.berlin/
Text: © Gerald Backhaus 2026