Beim Interview strahlt auch der Reporter
Hey Mama! - Ein Dorf für Mütter
Über ein neues Netzwerk in Moabit: Interview mit “Mamolea”-Gründerin Christine Bräunig
von Gerald Backhaus
Christine Bräunig erwartet mich an einem sonnigen Tag im Frühsommer 2026 im Gemeinschaftsbüro ALTMOABIT 19 im schönen Hof mit der gleichlautenden Postadresse. Dieser Hof ist vielen u.a. bekannt durch das dort beheimatete Atelier Trick-Reich mit seinem gemeinnützigen Glasstudio sowie durch den Möbelladen für Modulküchen und die „Vereinten Talente“. Christine wohnt mit ihrer fünfköpfigen Familie im Nachbargebäude und hat einen Fußweg von maximal einer Minute zu ihrem Schreibtisch in dem „Co-Working“-Büro. Die kurzen Wege sind sehr praktisch, da sie auch für kleine Zeitfenster, also zwischendurch, abends oder am Wochenende zu ihrem Schreibtisch in das Büro kann.
Von Dresden aus nach Brasilien, Mexiko, England und Frankfurt (Oder)
Christine, geboren in Thüringen und aufgewachsen in Sachsen, war viel unterwegs in der Welt, bevor sie sich in Berlin häuslich niederließ. Bereits mit 16 Jahren ging sie von Dresden aus zum Schüleraustausch nach Manaus im brasilianischen Amazonasgebiet. „Dort waren wir im Dschungel und haben Piranhas geangelt“, erinnert sie sich. Natürlich hat Christine in Brasilien Portugiesisch gelernt. Später kam Spanisch hinzu, als sie nach dem Abitur anderthalb Jahre als Aupair-Mädchen in Mexiko verbrachte. Für sechs Monate ging die heute 38jährige nach London, um ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Und fließend Französisch spricht sie auch. An der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) studierte sie „International Business Administration“ auf Englisch. Das ist vergleichbar mit Betriebswirtschaftslehre (BWL).
Türkei, nochmal Mexiko und dann Frankreich…
Als Studentin verbrachte sie ein Auslandssemester im türkischen Istanbul und Mexiko. Ein Jahr lang lebte die sprachbegabte junge Frau in Argentinien, wo sie in Córdoba ihren Doppel-Bachelor-Abschluss zu Themen wie der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen machte. Zurück an der Viadrina beschäftigte sich Christine in ihrer Masterarbeit mit dem Einfluss kultureller Vielfalt auf das Veränderungsmanagement in Unternehmen. 2012 bis 2014 schloss sich der Doppel-Master im französischen Reims und bei Airbus, Europas größtem Luft- und Raumfahrt- sowie zweitgrößter Rüstungskonzern im südfranzösischen Toulouse. Frankreich gefiel ihr besonders gut, so dass Christine im Anschluss bei einer Unternehmensberatung in Paris zu arbeiten begann. „Ich war jung und ungebunden und hatte mich dort einfach beworben.“
Sesshaftwerden in Berlin-Moabit
Eine „E-Mail-Freundschaft“ mit Robin, einem Mann aus Sachsen, führte sie zurück nach Deutschland. Nach der Hochzeit der beiden im Jahr 2016 fielen die Würfel für Berlin als Standort. Zuerst waren die beiden hier bei einer Freundin im Wedding untergekommen und arbeitete im IT-Beratungsteam der Deutschen Bahn. 2017 klappte es mit der Wohnung in Moabit und inzwischen sind sie und ihr Gatte stolze Eltern von drei kleinen Kindern. Christine bewegte sich beruflich in die Richtung des systemischen Coachings. Das Verständnis dafür, dass Prävention besser ist als Heilung, „so ähnlich wie beim Zahnarzt“ entwickelte sich aktuell. Das erfährt sie, wenn sie als Freiberuflerin in Unternehmen ihre Leistungen zu Themen wie Teamentwicklung, Kommunikation und Konfliktlösungen anbietet.
Alltag als Mutter und Selbständige
Als Selbständige kann sie das gut mit ihrem Alltag als Mutter verbinden. Alle drei Kinder wuchsen ihre ersten drei Lebensjahren zu Hause auf. Christine und Robin teilten sich die Kinderbetreuung so auf, dass sie beide parallel auch arbeiten konnten. „Das geht bei mir gut, weil ich mit meinen Seminaren zeitlich recht flexibel bin, also auch zu unkonventionellen Uhrzeiten arbeiten kann.“ Ihr Radius hat sich seit der Mutterschaft sehr verkleinert und umfasst
„alles, was ich so mit dem Fahrrad schaffen kann.“
Christine fühlt sich in Moabit angekommen. Sie und ihre Familie sind sehr verwurzelt hier, findet sie. Sie selbst geht zum Boxen, und die drei Kinder im Alter von 8, 6 und 3 Jahren zum Basketball- und Schwimmtraining sowie in die Musikschule „Fanny Hensel“. Christine ist quasi überall dort zu finden, wo sich auch andere Eltern und besonders Mütter aufhalten, ob im Familien-Aktiv-Zentrum (FaZ) vom Frechen Spatz e.V., im Familienzentrum Moabit-Ost, im SOS-Kinderdorf oder im Stillcafé vom „Offenen Wohnzimmer“ in der Waldenser Straße.
„Es braucht ein Dorf, um eine Mutter zu tragen“
Manche der Mütter, auf die sie dort sowie auf den Spielplätzen und in den Parks von Moabit trifft, fühlen sich überfordert, gestresst, einige - gerade Alleinerziehende - sind auch einsam oder fühlen sich depressiv verstimmt. Es gebe sogar Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen. Moabit sei insgesamt betrachtet ein sehr familienfreundlicher Kiez, findet Christine. Doch viele Angebote zielen nur auf die Beziehung von Mutter und Kind ab. Als Lücke empfand sie dabei die Vernetzung der Mütter untereinander. Die sei noch sehr ausbaufähig. Einer ihrer Leitsätze lautet: „Es braucht ein Dorf, um eine Mutter zu tragen“. Eine bereits verwirklichte Idee ist es, sich Wege zu teilen. Christine holt mehrere Kinder, also nicht nur ihre eigenen, vom Kindergarten ab und bringt sie zum Schwimmtraining.
"Olea Coaching"
Unter dem Namen „Olea Coaching“ trainiert sie als international zertifizierte Trainerin und systemischer Coach seit über zehn Jahren Teams und begleitet Menschen bei der Erreichung ihrer Ziele. Olea europaea ist der lateinische Name des Olivenbaumes, der mit seinem starken Stamm und den vielen Früchten, die er trägt, nicht als Sinnbild für schnelle Lösungen steht, sondern dafür, dass Veränderung Zeit braucht, erklärt Christine.
“Mamoleo” startet 2025
In sprachlicher Anlehnung an „Olea“ hatte sie 2024 die Idee für eine Gemeinschaft für Moabiter Mütter. 2025 gründete sie „Mamolea“. Das ist mehr als ein Treffpunkt: Das Netzwerk schafft für Mütter im Alltag einen Ort, an dem Unterstützung, Austausch und Entlastung nicht organisiert, sondern gemeinsam gelebt werden. Dessen Zweck ist es, dass sich Mütter mit anderen Müttern bei kreativen Abenden und Workshops zu Alltagsthemen austauschen und gemeinsam kreative Methoden ausprobieren. „Ohne Vorkenntnisse und in geschützter und wertschätzender Atmosphäre“, darauf legt Christine viel Wert.
Treffpunkt: “Jenseits von Birkenstraße“ (JVB) in der Turmstraße 10
Ein Treffpunkt dafür ist das Ladenlokal “Jenseits von Birkenstraße“ (JVB) in der Turmstraße 10. Bei den “Mama-Treffs” am Freitagabend geht es nicht um die perfekt inszenierte Version von Mutterschaft, sondern um den echten Alltag. Der beinhaltet laut Christine zum Beispiel „die 3‑Uhr‑morgens‑Panik, die Tränen in der Küche, die Frage ‚Schaffe ich das überhaupt?‘ und die Momente, in denen man sich völlig allein fühlt, obwohl da ein Kind ist, das einen braucht.“ Die Nachbarinnen, die man dort trifft, sind Frauen, die ähnliche Herausforderungen kennen und genau wissen, „wie erledigt man sich fühlen kann.“
150 Mütter schon dabei
Organisiert wird „Mamolea“ - neben den zahlreichen direkten persönlichen Kontakten - vor allem auf Whatsapp als „Community“ (Gemeinschaft). Innerhalb dieser Präsenz hat Christine mittlerweile 15 Gruppen eingerichtet, speziell für schwangere Frauen und Stillende sowie zu einzelnen Themen wie Sportangeboten oder Verabredungen. Seit der Gründung der WhatsApp-Community „Mamolea“ Anfang 2026 haben sich dort rund 150 Mütter als Gruppenmitglieder registriert. Über Poster und Faltblätter sind sie im Kiez präsent, und mit Buttons haben sie jetzt ein kleines, aber wichtiges Erkennungszeichen. So können sich die Mütter leichter entdecken, ansprechen und spüren: „Ich bin hier nicht allein.“
Von Kreativabenden bis Kaffee auf dem Ottoplatz
Gestartet ist “Mamolea” im Herbst 2025 mit sechs Kreativabenden, wo sie den Austausch der Mütter mit Kreativtechniken kombinierte. Seit Januar 2026 werden mit Unterstützung der Stadtteilkasse Moabit-Ost offene Spielplatztreffen auf dem Ottoplatz organisiert. Diese finden - bei Kaffee, Tee und Croissants - immer montags von 10 bis 11.30 Uhr statt. Hinzu kommen die Treffen unter dem Motto „Mama Meet Up“ immer dienstags von 15.30 bis 17.30 Uhr dort. Der Freitagnachmittag ist reserviert für den Dorf-Kurs namens „Village“. Im „Offenen Wohnzimmer“ geht es von 15 bis 17 Uhr u.a. darum, „wie ich mir mein Dorf konkret baue“, um Hilfe bitte und sie auch annehme oder wie man Konflikte lösen kann.
Bei den Mama-Treffen ist jede einzelne Teilnehmerin gefragt
Christine hat „Mamolea“ erfunden und natürlich geprägt, doch begreift sie sich mittlerweile eher als Gastgeberin, Ansprechpartnerin und Anstoßerin. „Während ich ganz am Anfang bei diesen Abenden im JVB alles allein vorbereitet habe, packen mittlerweile alle mit an.“ Das Quartiersmanagement Moabit-Ost (QM) unterstützt die “Mama-Treffs” bis Ende 2026 über seinen Aktionsfonds. Um finanziell auf eigene Beine zu kommen, hat Christine ein vom Berliner Senat gefördertes Vorgründungs-Coaching absolviert und denkt nun über ein Abo-Modell für „Mamolea“ oder die Einbeziehung von Partnern und Sponsoren zur Finanzierung nach. Außerdem steht die Frage nach der künftigen Rechtsform des Start-Up-Unternehmens an.
Zukunftsmusik: Vom eigenen “Mamolea”-Haus und vielleicht etwas für Männer
Ihre Vision ist ein eigenes „Mamolea“-Haus als immer verfügbarer Begegnungsort in Moabit. Dazu hat sie schon ein Ladenlokal ins Auge gefasst. Näheres dazu kann noch nicht verraten werden. Doch ein Geheimnis lüftet Christine auf meine Frage hin, was eigentlich mit den Vätern sei, wo wir die ganze Zeit über Mütter reden? Die sind bei manchen Veranstaltungen von „Mamolea“ auch willkommen. Ob es vielleicht auch ein spezielles Angebot für Väter geben wird? Man(n) darf gespannt sein.
Mehr über "Mamolea" auf https://mamolea.de/
Kontakt zu Christine Bräunig per E-Mail hi@mamolea.de und Telefon 0162 8138318
Text & Interviewfotos: © Gerald Backhaus 2026, alle weiteren Bilder stammen von Christine Bräunig