Moabit im Auge des Fotografen Christoph Eckelt für die Stadtteilzeitung „Ecke Turmstraße“
Ein Interview von Gerald Backhaus
Wir treffen uns im Stadtteilladen in der Krefelder Straße 1A. Christoph Eckelt zeigt mir seine Fotoausstellung „Moabiter Ecken“, die Fotografien beinhaltet, die er in den Jahren 2011 bis 2026 aufgenommen hat. Sie sind im Auftrag der Stadtteilzeitung „Ecke Turmstraße“ entstanden und dort erschienen. Besonders interessiert mich seine Serie „Kiezgesichter“. Das sind Porträts von Kiezakteuren wie Antje Menz vom Café Wunder, Oumar Diallo, dem Chef des Afrikahauses, und Melanie Simmersbach vom Kreativmarkt Arminiusmarkthalle.
Fotoausstellung „Moabiter Ecken“
Die Fotoausstellung im Stadtteilladen lief vom 20. August bis zum 3. September 2026 und wurde von der Videokünstlerin Nina E. Schönefeld, kuratiert. Neben den Porträts finden sich hier Aufnahmen mit Motiven wie dem 2009 geschlossenen und später abgerissenen Hansatheater, dem entkernten Hertie-Kaufhaus, von den Baustellen auf dem Schultheiß-Areal, einer Lichtinstallation am Turm der Heilandskirche, der Grundsteinlegung des Zentrums für Kunst und Urbanistik (ZK/U) und ungewöhnlichen Moabiter Straßenszenen. Christoph Eckelt mag reduzierte Aussagen bei seinen Fotos. Form, Licht und Farbe stehen für ihn bei der Bildgestaltung im Vordergrund.
Der Humor in seinen Bildern soll „nicht konstruiert wirken, sondern zufällig gefunden werden.“
Christoph Eckelt wurde 1971 geboren und stammt aus einer ostdeutschen Fotografenfamilie. Sein Vater und sein Onkel studierten Fotografik Anfang der 1960er Jahre an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) und arbeiteten später freischaffend.
Von Lette-Verein, “zitty” und der „karl.eckelt.collection"
Er selbst studierte Fotodesign am Lette-Verein Berlin, Deutschlands ältester Fotoschule. Zu seinen Dozenten dort zählte der Fotograf Roger Melis, der vielen als Mitbegründer und Förderer der ostdeutschen Autorenfotografie bekannt ist. Während seiner Studentenzeit am Lette-Verein hatte Christoph Eckelt bereits mehrere Foto-Jobs. Von 1998 bis 2012 fotografierte er für das Berliner Stadtmagazin „Zitty". Neben Porträts lag schon bei „Zitty" die dokumentarische und konzeptuelle Fotografie von Architektur und Stadtentwicklung in seinem Fokus. Seit 2023 kuratiert Eckelt die „karl.eckelt.collection". Das ist eine Sammlung mit dem Schwerpunkt auf ostdeutscher Fotografie, Formgestaltung und Textilkunst. Exponate aus dem familiären Umfeld sowie der Ostberliner Atelierkultur bildeten den Ausgangspunkt dafür. 2027 plant er in Kooperation mit dem Spector-Books-Berlag Leipzig - 14 Jahre nach dessen Tod - eine 350-seitige Monografie über seinen Vater Georg Eckelt herauszubringen.
Eckelts Buch über das "Kino International"
Im März 2026 hat Christoph Eckelt mit seinem Werk über den Umbau und die Sanierung des „Kino International" sein neuestes Buch veröffentlicht. Dafür hatte er, der gern städtische Räume und Strukturen als Ausdruck gesellschaftlicher Prozesse dokumentiert, über zwei Jahre lang die Bauarbeiten in dem Berliner Traditionskino festgehalten. Im Durchschnitt war er einmal pro Woche dort und schaute den verschiedenen Gewerken von Maurern und Elektrikern über Tischler bis zu Theaterbauern über die Schulter. Resultat wurde keine rein technische Fotografie, sondern erzählerische Autorenfotografie, betont er. Fotograf zu sein, bedeutet für Eckelt keinesfalls, nur „schöne Bilder" zu gestalten. Ganz wichtig ist für ihn immer das „Warum" bei jedem seiner Werke.
110 Ausgaben der “Ecke Turmstraße”: Lokaljournalismus in Moabit
15 Jahren lang hat Christoph Eckelt zusammen mit der Redakteurin Ulrike Steglich und anderen den Stadtteil Moabit begleitet, beobachtet und dokumentiert. Nachschauen und -lesen kann man das in den über 110 Ausgaben der „Ecke Turmstraße“ und ihren insgesamt rund 1.500 bedruckten Seiten. Ziel war es, den Moabitern im Zeitungsformat - abseits von Fach- und Behördenjargon - zu erklären, was in ihrem Quartier passiert und dabei anzuregen, dass alle mitreden und sich einmischen.
Stadtteilzeitung von 2011 bis 2026
Eckelt, der in Weißensee lebt und im Jahr 2002 erstmals im Stadtteil Moabit beruflich tätig wurde, arbeitet mit Ulrike Steglich bereits seit 1997 zusammen. Im Jahr 2011 ging es los mit der “Ecke Turmstraße”, nachdem es den Zuschlag bei einer Ausschreibung des Bezirksamts Mitte für eine Stadtteilzeitung gab. Zuvor hatten sie bereits von 2002 bis 2009 die Zeitung „Stadt.Plan.Moabit“ herausgegeben.
„Ein halbes Fotografenleben“ in Moabit
Die neue Zeitung „Ecke“ erschien anfänglich 12-seitig mit 8500 Exemplaren acht Mal pro Jahr. Ab 2018 wurde der Umfang mit 16 Seiten dann etwas dicker, dafür erschien die „Ecke“ nur noch sechs Mal im Jahr. Mit fast 25 Jahren habe Christoph Eckelt inzwischen beinahe „ein halbes Fotografenleben“ in Moabit gewirkt und dabei viele Veränderungen mit seinen Bildern festgehalten. Für die „Ecke“ begleitete er u.a. zahlreiche Gewerbetreibende in der Turmstraße. Die Stadtteilzeitung erhielt über die Jahre viel positive Resonanz, erzählt er, darunter auch Leserpost zu seinen Fotos.
„Fallen Sie mir beim Fotografieren bitte nicht vom Dach“
…empfahl ihm mal jemand, was sich wohl auf das Dach vom Hertie-Kaufhaus bezog. Der Zeitung „Ecke Turmstraße“ berichtete auch über teilweise kontrovers aufgenommene Themen wie über die Umgestaltung des Kleinen Tiergartens, erinnert sich Eckelt. Moabit sei dicht bebaut und verfügt nur über wenige freie Flächen, beschreibt er den Stadtteil. Und: „Moabit hat sich lange gegen die Gentrifizierung gewehrt.“ Von einer flächendeckenden Gentrifizierung wie in Ostberliner Innenstadtbezirken kann in Moabit jedoch bis heute nicht die Rede sein.
Wie es nach Redaktionsschluss und Erscheinen der letzten Ausgabe 08/2026 weitergeht?
Was bleibt? Ein richtig großes Archiv über die Entwicklung des Stadtteils Moabit, die neben den „reinen Bezirksthemen“ wie dem anstehenden Straßenbahnbau immer auch künstlerische Rubriken wie „Bildecke“ und „Bilderrätsel“ beinhaltete. Wer sich dafür interessiert: alle „Ecke“-Ausgaben gibt es zum Betrachten und Herunterladen auf https://www.turmstrasse.de/team/stadtteilzeitung
Fotoausstellung bis Dezember 2026 im Stadtteilladen
Aus seinen unzähligen Fotos für die „Ecke“ könnte man locker ein Buch oder eine Broschüre über die Transformationsprozesse in Moabit gestalten, findet Christoph Eckelt. Wer sich seine Ausstellung ansehen möchte, kann dazu bis Ende Dezember 2026 in den Stadtteilladen kommen. Immer donnerstags hat er von 16 bis 18 Uhr zur Bürgersprechstunde geöffnet.
Kontakt zu Fotograf Christoph Eckelt: https://www.christoph-eckelt.de/ E-Mail: eckelt@bildmitte.de
Text & Bild 1 und 2 von oben: © Gerald Backhaus 2026
alle weiteren Fotos: © Christoph Eckelt