Manuela und der Moabiter Donnerstagschor

Singen in Bewegung: Besuch zur Chorprobe bei Manuela und ihrem Donnerstagschor

von Gerald Backhaus

Hier möchte man glatt selber mitmachen. Bei den Aufwärmübungen des Donnerstagschores im Zille-Haus zucken die Glieder mit. Bei der einen oder anderen Bewegung legt auch der Reporter seine Kamera aus der Hand und streckt sich so wie die Chorsänger oder besser -sängerinnen, denn neben Chorleiterin Manuela Koza sind heute sechs Frauen und nur ein Mann dabei. „Zu unseren Auftritten kommen mehr Männer“, beruhigt Manuela augenzwinkernd. Immer donnerstags wird geprobt, daher auch der Name. Auf die Aufwärmphase, bei denen manche Dehnung nach Yoga und Pilates aussieht, folgt das Einsingen. 

Von Sias „Chandelier“ bis „An der Saale hellem Strande“

Im Repertoire des Chores befindet sich aktuell das englischsprachige Stück „Chandelier“ (auf Deutsch „Kronleuchter“) der australischen Sängerin Sia von 2014. Auch der Pop-Klassiker „Sweet Dreams“ von den Eurythmics aus dem Jahr 1983 wird gesungen. Auf dem Tisch neben diesem Notenblatt liegt das von „An der Saale hellem Strande“, einem Volkslied, das 1826 von Franz Kugler verfasst wurde. Bevor um 19 Uhr das offizielle Programm der Chorprobe beginnt, erfüllt freudiges Geplauder den Raum. Da wird erstmal Tee gekocht und sich auf den neuesten Stand gebracht, denn viele der Chormitglieder sehen sich nur dieses eine Mal in der Woche.

Donnerstagschor seit 2021 

Gegründet wurde der Donnerstagschor im Jahr 2021 von Manuela und ihrer Freundin Nadine. Manuela stammt aus Halle an der Saale. Sie hat dort und in Dresden Wirtschaftsingenieurwesen studiert. 2007 zog sie nach Berlin. Sie wohnt von Beginn an in Moabit, mittlerweile mit Mann und zwei Kindern. Ihre erste Arbeitsstelle hatte sie beim Übertragungsnetzbetreiber 50hertz von Vattenfall. 

Musik-AG mit „Singjago“-Stuhltänzen

Nach einer Umbruchphase im Jahr 2015 suchte sie nach neuen Herausforderungen und erinnerte sich an ihre musikalischen Ursprünge. Manuela spielt Gitarre und sang in jungen Jahren im Kinderchor ihrer Heimatstadt Halle. „Ich hatte nie gedacht, dass das wieder auflebt und dass ich die alten Noten mal heraus holen werde.“ So kam es, dass sie eine Musik-AG an der Moabiter Kurt-Tucholsky-Grundschule (KTG), an die ihr Sohn damals als Schüler ging, übernahm. Da begeisterte sie die Kinder unter anderem mit „Singjago“-Stuhltänzen. Der Name ist angelehnt an die erfolgreiche Kinderserie „Ninjago“. 

Berufsziel Lehrerin! 

Nach vielen Berufsjahren, in denen sie sich vorwiegend mit Zahlen beschäftigte, reifte Manuelas Wunsch, fortan „mehr mit Menschen zu machen“. Berufsziel Lehrerin! Aufgrund des großen Lehrermangels wurden Quereinsteiger damals händeringend gesucht, und die jetzige KTG-Schulleiterin bestärkte sie, es zu versuchen. Nachdem ihr erster Versuch abgebügelt wurde, bot sie sich auf der Plattform für PKB-Kräfte - PKB steht für „Personalkostenbudgetierung“ - als Vertretungslehrerin für Mathematik, Physik und Musik an. Berliner Schulen haben über die Personalkostenbudgetierung die Möglichkeit, in eigener Verantwortung Vertretungslehrer einzustellen, um damit den Unterricht abzusichern. Die Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule - damals unter Direktorin Annedore Dierker - griff zu und bestärkte Manuela auf ihrem Weg zum Quereinstieg in den Lehrerberuf. 

„Und wenn ich mein Referendariat durchgezogen habe, gründe ich meinen eigenen Chor“

lautete ihr Ziel. Zuvor suchte sie nach einem Chor in der Umgebung, wurde fündig und begann 2015 als Mitsängerin im Chor Collegium Ioanneum Berlin. Dieser Ableger des bekannten Hugo-Distler-Chores probte damals in der St. Johanniskirche in Alt-Moabit und hatte vor allem geistlich-weltliche Musikwerke im Repertoire. Auftritte dieses Chors gab es an den unterschiedlichsten Orten im Kiez. Neben den Frühlings-, Sommer- und Herbstkonzerten gastierte er z.B. zu Weihnachten im Pflegeheim in der Birkenstraße und in der Wohnungslosenunterkunft in der Lübecker Straße. Die Idee vom Treppenhauskonzert nahm ebenfalls Form an, für und mit Nachbarn wurde gesungen. Manuela gefiel schon damals besonders, dass man dort singt, wo die Leute sind. 

„Du bist mein Sopran 1!“ 

Als sich das Collegium Ioanneum Berlin auflöste, weil sein Chorleiter ins Ausland ging, war die Zeit für die eigene Chorgründung für Manuela reif. Zusammen mit ihrer Freundin Nadine gestaltete sie einen Aushang und bereitete zwei Lieder aus ihrer Zeit beim Kinderchor Halle vor. Beim ersten Treffen waren sie nur zu zweit. Manuela begrüßte Nadine mit: „Du bist mein Sopran 1!“ Sie selbst ist Mezzo und singt im gemischten Chor meist die Alt-Stimme, besitzt einen hohen Stimmumfang und kommt stimmlich sowohl sehr hoch als auch sehr tief. Bei der zweiten Chorprobe in der Bibliothek der KTG waren sie schon zu dritt, erinnert sich Manuela. 

Kein Vorsingen notwendig

„Als wir dann mehr wurden, zogen wir ins ‚Stephans‘ um.“ Im Gegensatz zum Probenort Schulbibliothek kam der Chor in dem Nachbarschaftsladen in der Stendaler Straße 9 in den Genuss von Laufkundschaft. Beim „Stephans“ wurde immer mal jemand durch’s Schaufenster auf den Chor aufmerksam, fragte nach und einige machten dann sogar mit. Chorleiterin Manuela verlangt von Interessenten kein Vorsingen - das gefiel ihr schon beim Collegium Ioanneum - und freut sich darüber, wenn der Donnerstagschor peu à peu wächst. 

Vom „Stephans“ ins Zille-Haus 

Weil es dem Chor im Nachbarschaftladen „Stephans“ mit der Zeit etwas zu eng wurde, zog er um ins Zille-Haus und probt im Sommer ab und zu im Freien. Im Zille-Haus ist genug Platz für viel Bewegung beim Aufwärmen und Singen, denn das ist Manuela sehr wichtig. Sie nimmt den Chorgesang auch mit dem Handy auf und spielt das ihrem Chor dann im Treppenhaus vom Zille-Haus vor, wo die Akustik überwältigend ist. 

„Ich würde auch gern mal unter einer Brücke singen oder woanders, wo es so richtig hallt.“ 

Mit dem Schulchor „ihrer“ Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule gibt es eine Kooperation. Das sei spannend, wenn die Jugendlichen mitmachen. Dass ihr Chor vor allem Popmusik singt, liegt an der starken Energie und den Beats, die sowohl die Sänger als auch das Publikum mitziehen, beschreibt es Manuela. Pop-Kanons wie „Say Something“ sind besonders beliebt. Solche Stücke trug der Donnerstagschor schon bei drei Ausgaben der immer im September stattfindenden „Langen Nacht der Chöre“ in der Moabiter Reformationskirche vor. 

„Wir sind übrigens alles musikalische Laien“, 

stellt die Chorleiterin klar: „Viele Muttis und ein Vati.“ Beruflich sind es neben den Lehrerinnen vor allem Leute, die in sozialen und gesundheitlichen Berufen arbeiten. Als Sternstunde für den Donnerstagschor empfand Manuela den Auftritt im Rahmen einer Vernissage in Lichterfelde. 

Chormusik zu Gemälden

Bei der Ausstellung unter dem Motto "Traumfiguren - Auftauen innerer Verworrenheit“ von Kuratorin Hanna Becker und Künstler Lennart Nørreklit hatte sie für die ausgestellten Bilder speziell passende Musikwerke ausgesucht und Musiknoten an die Gäste verteilt. Die Stücke wurden als eine Art Collage gesungen, was sie als ein sehr gelungenes Experiment bezeichnet. „Sowas würde ich gern wiederholen." 

Proben für die „Lange Nacht der Chöre“ 2026

Aktuell laufen die Vorbereitungen für die diesjährige „Lange Nacht der Chöre“. Für die rund 15 Minuten Auftrittszeit, die dort jeder Chor bekommt, werden drei bis vier Stücke geprobt, darunter das erwähnte „Chandelier“ von Sia. Wenn es nach Manuela geht, würde der Donnerstagschor dort singen, wo auch andere Menschen daran teilhaben können - ob im Altersheim oder eine Etage höher im Zille-Haus bei den Jugendlichen. 

Von Proben im Pflegeheim bis zur musikalischen „Straßenralley“

Auf einer Fahrt nach Holland mit dem alten Chor Ioanneum gab es einen Gastchor, der im Pflegeheim probt, so dass die Bewohner quasi automatisch dabei sein können. Spaß beim Mitmachen und Singen, so dass andere mitsingen können - das sollte immer mehr im Vordergrund stehen, findet Manuela. Und ein Chorfestival zu organisieren als eine Art „Straßenralley“, bei dem man von einer Station zur nächsten läuft und an jeder Straßenecke gesungen wird, das ist ein Traum von ihr. 

Chormitglieder gesucht

Am liebsten könnten es 30 Sänger im Donnerstagschor werden, darunter bitte ein paar mehr Männer. Weil sie Bewegung nicht nur vor und bei dem Singen so wichtig findet, bewegt sich der Chor dieses Jahr mal nach Halle. Manuela möchte den anderen bei der Chorfahrt 2026 gern ihre Geburtsstadt vorstellen. Dort kann der Chor ja mal unter freiem Himmel „An der Saale hellem Strande“ vortragen.

Der Donnerstagschor probt immer donnerstags um 19 Uhr im Zille-Haus in der Rathenower Straße 17. Zur Unterstützung des Ensemble werden Sangesfreudige im Sopran, Alt, Tenor, Bariton und Bass gesucht

Kontakt: manuela.koza@gmail.com, https://donnerstagschor-moabit.blankmusic.org/

Text & Fotos: © Gerald Backhaus 2026