Prosazimmer - Dein Buchclub in Moabit mit Eva und Carmen
Von „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin bis "Zwei Leben" von Ewald Arenz
von Gerald Backhaus
Zwei Frauen, ein Gedanke: ein eigener Buchclub! So war’s, als sich Carmen Schneider und Eva Abramovich Ende 2022 bei einem Lesekreis im Café KUKUMU in der Lübecker Straße trafen. Beide studieren „Industrial Economics“ (Industrie-Wirtschaft).
Zwei Wirtschaftsstudentinnen in Moabit
Carmen stammt aus der Region Stuttgart, verbrachte nach dem Abitur ein Jahr in London und überlegte, ob sie danach nach Berlin oder Wien gehen sollte. Spree siegte über Donau, und so landete die 25-jährige nach einer langen Wohnungssuche, während der sie auf der Couch von Freunden in Moabit campierte. Eva stammt aus München und zog der Liebe wegen von Nürnberg nach Berlin. Das war auch 2022. Zuerst wohnte die 27-jährige im Stephankiez und nun im Wedding. Anfang 2023 reifte die Idee vom eigenen Buchclub.
Mittwochs im KUKUMU treffen sich die "Prosis"
Der KUKUMU stand als Veranstaltungsort bereit und der Name war gefunden, so dass die erste Ausgabe des „Prosazimmers“ im Mai 2023 stattfinden konnte. Bei der Premiere - an einem Mittwoch um 18.30 Uhr - wurde es im Café sehr voll. Da wurden Kurzgeschichten vorgelesen und das schließlich stellten Carmen und Eva das Konzept vor. Ein von ihnen ausgesuchtes Buch wird von allen „Prosis“ - wie sie die Teilnehmer liebevoll nennen - daheim gelesen. Beim nächsten „Prosazimmer“ wird dann darüber diskutiert.
„Wie im eigenen Wohnzimmer“
Das Prosazimmer findet alle vier bis sechs Wochen immer an einem Mittwoch im KUKUMU statt. Ausgefallen ist bisher noch kein einziger Termin. Auch während Carmen und Eva ihre Auslandssemester in Barcelona bzw. Göteborg absolvierten, sprangen „Prosis“ ein und übernahmen drei Veranstaltungen. Der Buchclub als Online-Termin? Das wurde einstimmig abgewählt, weil es allen sehr wichtig ist, sich vor Ort zu treffen. Die beiden Organisatorinnen machen den Raum im KUKUMU gemütlich zurecht und sorgen neben Getränke auch für einen kleinen Imbiss. Da gibt es saisonale Snacks wie Kekse, Cracker mit Aufstrich oder Oliven. „Wie im eigenen Wohnzimmer“ sei es dann von der Atmosphäre her. Zwischen 10 und 20 Gästen sind in der Regel dabei. Darunter sind in der Mehrzahl Frauen, viele um die dreißig, auch Mütter und manchmal auch Großmütter. Männer kommen auch zum Prosazimmer, doch wären ein paar mehr von ihnen wünschenswert.
Ein Debattierclub: hier werden alle zum Reden gebracht
Zum Konzept von Eva und Carmen, die sich vor allem als Moderatorinnen verstehen, gehört es, zunächst alle Anwesenden zum Reden zu bekommen. Dazu wird angeregt, sich zuerst zu zweit oder zu dritt über das gelesene Buch zu unterhalten, bevor es in die große Diskussionsrunde geht. Dadurch sind alle im Redefluss und es fällt ihnen viel leichter, auch vor der gesamten Runde zu sprechen.
Möglichst unterschiedliche Perspektiven
Ein Ziel ist es, möglichst unterschiedliche Perspektiven auf die Handlung des Buches zu besprechen. „Wir hoffen aus unterschiedliche Meinungen zum Buch und erfahren immer Neues“, sagt Carmen. Und Eva erinnert sich besonders gern an das Prosazimmer, bei dem „Das andere Tal“ von Scott Alexander Howard diskutiert wurde: „Da gab es eine richtige Debatte mit zwei Seiten. Der Raum war in Pro und Kontra aufgeteilt zu der Frage: Soll man in die Vergangenheit und in die Zukunft reisen dürfen?“ Am Ende der zwei Stunden gibt es immer eine Abstimmung darüber, wie gut das Buch ankam. Vergeben werden ein bis fünf Sterne.
Fünf Sterne gibt es, wenn alle begeistert waren.
Dabei kann es zu Überraschungen kommen: während „Die Glasglocke“ von Sylvia Plath - ein Roman, der 1963 erstmals in den USA veröffentlicht wurde und seitdem zu einem Kultbuch avancierte - 4,5 Sterne erhielt, kam der Thriller „Going Zero“ des Neuseeländers Anthony McCarten auf nur 3,5 Sterne.
Kreativer Abschluss?
Carmen und Eva wollten ihren Buchclub auch mal mit einem kreativen Abschluss nach jeder Besprechung gestalten, bei dem gemalt und gezeichnet wird. Doch sind zwei Stunden Buchbesprechung ein abendfüllendes Programm, so ihre Erfahrung. Die Teilnehmer haben meistens eher mehr als zu wenig Redebedarf, so dass die Zeit lieber für die Besprechung genutzt wird „und wir stattdessen manchmal die Kreativität schon am Anfang des Abends hervorlocken z.B. während der Anfangsfrage, wo wir auch Mindmaps und Zeichnungen etc. machen.“
Prosazimmer im Park und andere Auswärts-Aktivitäten
Wer das möchte, kann übrigens auch dabei sein und über die Themen des jeweiligen Buches mitdiskutieren, wenn man das Werk gar nicht gelesen hat. Neben dem eigentlichen Prosazimmer im KUKUMU treffen sich die „Prosis“ manchmal auch zu Aktivitäten auswärts. Das Lese-Picknick im Fritz-Schloß-Park war ein voller Erfolg, erinnern sich Carmen und Eva. Dazu brachte jeder ein Buch mit und las daraus eine Passage vor. Und als im Haus der Kulturen der Welt (HKW) im Tiergarten 2025 der Internationale Literaturpreis vergeben wurde, fand ein Prosazimmer zu dem Roman „Übung in Gehorsam“ von Sarah Bernstein in einem Pavillon dort statt.
Zur Auswahl der Bücher
Der Buchclub ist ohne übergeordnetes Thema. Ausgesucht wurde ein Buch, mit dem jeder etwas anfangen kann. Eva und Carmen gehen zur Auswahl zusammen in Buchhandlungen und schauen, was sie dort inspiriert. Es sind immer Bücher, die sie noch nicht gelesen haben, „denn es ist ja auch ein Buchclub für uns selbst.“ Ab und zu kommen Neuerscheinungen in die engere Runde, doch auch Klassiker werden ausgewählt. Genre-Literatur vermeiden sie, es werden also z.B. keine Krimis, sondern in der Regel Romane gelesen.
Von „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin bis "Zwei Leben" von Ewald Arenz
Am 26. November 2025 stand „Giovannis Zimmer“ des US-amerikanischen Schriftstellers James Baldwin aus dem Jahr 1956 im Prosazimmer auf dem Programm. Über die Weihnachtsfeiertage lesen die „Profis“ das Buch "Zwei Leben" von Ewald Arenz, über das dann beim nächsten Termin im Januar 2026 gesprochen wird.
Wie kommen die Leute an die Bücher?
Die Bücher besorgt jeder für sich. Carmen und Eva versuchen aber immer darauf zu achten, dass schon die Taschenbuch-Version erschienen ist, damit sich der finanzielle Aufwand in Grenzen hält, wenn das Buch in der Bücherei nicht verfügbar ist. Das Prosazimmer im KUKUMU wird finanziell unterstützt aus dem Aktionsfonds des Quartiersmanagement Moabit-Ost.
Kontakt zum Buchclub Prosazimmer
Bitte per E-Mail anmelden beim prosazimmer@web.de oder über Instagram @prosazimmer Dort ist auch immer das aktuelle Buch zu finden, das gerade von den „Prosis“ gelesen wird.
Text & Interviewfotos: © Gerald Backhaus 2025, die Buchclub-Fotos stammen von Eva Abramovich und Carmen Schneider