Die Brühgruppe Kaffeebar in Moabit
Auf eine Tasse Hausröstung bei Inhaber Marian Schubert zum Interview
von Gerald Backhaus
Wir können kurz vor dem Café sitzen, weil die Sonne an einem Vormittag im Vorfrühling diese Seite der Rathenower Straße erreicht. Doch dann kommt eine Wolke und wir verlegen das Interview schnell nach drinnen. Paul von der Frühschicht bereitet gerade Kaffee zu, und Marian hat sich vor seiner Schicht etwas Zeit zum Reden genommen. Der 35-jährige Gründer der Brühgruppe stammt aus Steglitz und hat 22 Semester lang Deutsche Literatur und Skandinavistik studiert.
Vom „Double Eye“ in Schöneberg…
Neben dem Studium arbeitete er in der Schöneberger Kaffee-Institution „Double Eye“ von Barista-Champion Arno Schmeil. So heißt die im Jahr 2001 eröffnete kleine Kaffeebar in der Akazienstraße, in der man nur stehen kann, wo es also gar keine Sitzplätze gibt. Zehn Jahre war Marian dort tätig. Mit der Zeit gewann Kaffee für ihn immer mehr an Bedeutung. Er kannte sich immer mehr aus und wollte eigene Entscheidungen treffen. Logische Konsequenz, dass sich der Moabiter im Jahr 2020 mit einer eigenen Rösterei selbständig machte.
…über das Kaffeerad zur “Brühgruppe” in Moabit
Es folgte ein selbst gebautes Kaffeerad, mit dem er mit einer Kollegin ab und zu vor der Bar Perlou in der Perleberger Straße stand und mit seinem Kaffeeausschank großen Anklang fand. Im Oktober 2022 war es dann soweit, dass Marian das 35-qm-Ladenlokal in der Rathenower übernahm. Das Ladenlokal war schon als Café ausgebaut von Fabian Büttner, der nebenan den „Gartenservice & Baumdienst BaumBüttner“ betreibt. Doch weil Fabian, als seine Schwester absprang, das Café allein nicht neben seinem Hauptberuf betreiben konnte und Marian vom Kaffeerad her kannte, fragte er ihn. Marian sagte sofort zu und übernahm vieles von Fabians Einrichtung wie z.B. die Tische. Den Tresen mit den Betonfüßen hat er allerdings zusammen mit einem Freund, der als Cutter beim Film arbeitet, selbst entworfen und neu gebaut. Marian wohnt nicht weit entfernt von seinem geschäftlichen „Baby“, und zwar in einer WG in der Lübecker Straße seit 2011.
Vom Ein-Mann-Betrieb zum Sechser-Team
Laut Eigenwerbung ist die Brühgruppe Kaffeebar „ein Top-Treffpunkt im Kiez. Bei bestem Spezialitätenkaffee, leckerem (veganem) Kuchen oder einem entspannten Mittag trifft man immer freundliche bekannte und neue Gesichter.“ Als Marian hier startete, war seine Kaffeebar eine Ein-Mann-Geschichte, bei der ihm ab und zu jemand half. Anfangs gab es zwei Ruhetage, und Marian kam auf rund 70 Wochenstunden Arbeit. Das konnte er auf Dauer nicht durchhalten. Außerdem entwickelte sich die Nachfrage gut und die Kundschaft wuchs immer mehr, so dass er Personal einstellen und die Öffnungszeiten ausweiten konnte. Aktuell besteht Marians Team aus drei Teilzeitkräften und drei Leuten, die auf Mini-Job-Basis arbeiten. Geöffnet ist täglich, und zwar wochentags von 8 bis 18 und am Wochenende von 10 bis 18 Uhr. In dem sechsköpfigen Brühgruppen-Team gibt es auch eine Frau, die man als Gast normalerweise nicht zu sehen bekommt. Das ist Tiên, die vieles davon bäckt, was in der Tresenauslage zu sehen ist, darunter Limettenkuchen, Kekse und Nussecken nach Rezepten von Marians Mutti. Croissants, Franzbrötchen und herzhafte Teilchen runden das kleine Speisenangebot ab.
Spezialitätenkaffee für Zuhause
Natürlich kann man in der Brühgruppe auch Kaffee für daheim kaufen. Marian röstet selbst. Dazu mietet er sich bei der Kawa-Rösterei in Reinickendorf ein. Seine Hausröstung eines 100% Arabica Kaffees aus Brasilien (ab 10,50 € pro 200 g) gibt es mit selbst gestalteten Etiketten auf der Verpackung. Unter den Gaströstungen, die die Brühgruppe anbietet, befinden sich mit „Fredy Recinos“ Kaffee aus El Salvador und weitere Sorten der Rösterei „Main Lane“. Diese ist in Kleinmachnow beheimatet und legt ihr Hauptaugenmerk auf die Kaffeefarmer. Preislicher Spitzenreiter ist aktuell der Kaffee „Liz Escobar – Chiroso Fully Washed“ aus Kolumbien für 25,00 € (200 g). „Ich bin aber kein Kaffee-Snob“, betont Marian lachend, der alles hier in seiner Bar einfach halten möchte. „Ich schreibe auf die Kaffeeverpackungen keine Geschmacksrichtung drauf.“ Jeder soll also schmecken, was er schmeckt.
Cappuccino und Flat White sind die Renner
Was am meisten über den Tresen geht? Darüber muss Marian nicht lange nachdenken. Zu den Verkaufsschlagern zählen Cappuccino und Flat White. Also was mit Milch oder Hafer. Der Unterschied? Ein Cappuccino setzt sich aus einem einfachen Espresso und zwei Teilen Milchschaum zusammen – einem flüssigen Teil und einer festen Milchschaumhaube, die auch etwas über den Tassenrand ragen kann. Den Flat White hingegen bereitet man mit einem doppelten Espresso zu und schließt mit dem Tassenrand ab. Im Vergleich zum Cappuccino enthält ein Flat White also mehr Kaffee.
Schwarzer Kaffee, Galão und Affogato
In der Brühgruppe wird auch immer mehr Kaffee schwarz bestellt. Unter den Kunden sind Leute, die privat Siebträger-Kaffeemaschinen besitzen und den puren Geschmack schätzen. Auch Kaffeespezialitäten wie Galão - aus Portugal bekannter Espresso mit geschäumter Milch - und Affogato stehen auf der Karte. Wer letzteren nicht kennt: Beim italienischen Original wird Vanilleeis mit heißem Espresso übergossen und „ertrinkt“ dabei (ital. affogare). Auch wenn sie sich Kaffeebar nennt: Tee, Kakao und Chai gibt es in der Brühgruppe natürlich auch.
„Espresso Martini“, „Warme Büffelpipi“ und „Spekulatius Galão“
Und wem nach Alkoholischem zumute ist, der kann mal den Cocktail „Espresso Martini“ versuchen. Renner auf der Winterkarte trugen Namen wie „Warme Büffelpipi“ - schmeckte nach Apfelkuchen - und „Spekulatius Galão“. Mehr als die Hälfte der Kundschaft sind Stammgäste aus dem Kiez, schätzt Marian - beruflich reicht es vom Bauarbeiter bis zur Studentin. Vom Alter her sind viele so wie der Inhaber selbst in ihren Dreißigern.
Wie sich Marian die Zukunft der Brühgruppe vorstellt?
Aktuell sucht er erst einmal Unterstützung für sein Team, also jemanden, der oder die ab Mai mitarbeitet, denn im Sommer wird es in der Rathenower Straße erfahrungsgemäß immer lebendiger als im Winterhalbjahr. Mittelfristig möchte er mehr selber rösten und den Online-Shop der Brühgruppe weiter voranbringen. „Und Schaurösten zum Zugucken, das wär’s!“
Kontakt: Brühgruppe Kaffeebar, Rathenower Straße 34, 10559 Berlin, Tel. +49 1575 7408464, Mail: kontakt@bruehgruppekaffeebar.de, https://www.bruehgruppekaffeebar.de/ Instagram: https://www.instagram.com/bruehgruppe.kaffeebar/
Kurse, um selber zum Barista zu werden: https://www.bruehgruppekaffeebar.de/Kurse
„Doppelshot - Der Kaffeepodcast" mit Marian: https://podtail.com/podcast/doppelshot-der-kaffeepodcast/
Text & Fotos: © Gerald Backhaus 2026