3D-Druck mit Schulkindern
Falko Richter vom Verein 35services e.V. in der Kurt-Tucholsky-Grundschule
von Gerald Backhaus
Falko Richter kommt mir zum Schuleingang entgegen. Sein weißer Kittel macht Eindruck und ich fühle mich dadurch gleich an Chemie- und Physiklehrer alter Schule erinnert. Im ersten Stock befindet sich das Computerkabinett, in dem gerade ein 3D-Drucker rattert. Die Fenster stehen sperrangelweit offen. Für alle, die noch nie damit zu tun hatten, mit 3D-Druck oder „Additiver Fertigung“ bezeichnet man Verfahren, bei denen Material Schicht für Schicht aufgetragen wird, um dreidimensionale Gegenstände herzustellen. Im Computerraum der Kurt-Tucholsky-Grundschule - auch KTG genannt - entsteht gerade ein Typografie-Set. Dazu wird Moosgummi mit dem 3D-Laser geschnitten und dann mit den passenden 3D-gedruckten Teilen zusammen geklebt.
Der Softwareentwickler beschäftigt sich seit 15 Jahren mit 3D-Druckern
Die KTG ist die erste „Musikalische-Grundschule" im Bezirk Mitte. Doch nicht nur das, auch Naturwissenschaft und Technik werden hier groß geschrieben. Der gerade aktive 3D-Drucker ist ein Modell der aktuellen Generation. Falko Richter, von Beruf Softwareentwickler, beschäftigt sich seit 15 Jahren mit 3D-Druckern. Im Jahr 2020 kaufte er sich das erste eigene Gerät für 120 Euro, erinnert er sich. 2022 erwarb er dann für 1.000 Euro den ersten Drucker, der ihm wirklich zum 3D-Drucken und nicht nur zum daran Herumbasteln diente. Mittlerweile gehört dieses Gerät der tschechischen Firma „Prusa“ der 35services-Kiezwerkstatt. Prusa veröffentlicht die Software und Pläne für alle seine Drucker und ist deshalb sehr beliebt und gut reparierbar.
3D-Druck AG seit 2023
Falko stammt aus der Gegend von Schwerin und lebt seit 2006, also schon 20 Jahre lang in Berlin. Er studierte Internationale Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Berlin. Der Softwareentwickler wohnt seit 2019 mit seiner Familie in Moabit, fast um die Ecke der Schule. Er kommt immer mit dem Fahrrad her. Falko arbeitete lange bei einem US-amerikanischen Möbelhersteller und ist aktuell vor allem ehrenamtlich unterwegs und sucht eine neue Herausforderung. Er engagiert sich bei der Nachbarschaftswerkstatt 35services e.V. und ist seit 2023 für die 3D-Druck AG - eine Arbeitsgemeinschaft - an der KTG in enger Abstimmung mit der Lehrerin Katja Steffenhagen verantwortlich. 3D-Druck, Löten und Basteln von Baggern und Kipplastern - Falko stellt klar: der Verein 35services e.V. unterstützt zwar, doch das Projekt finanziert sich komplett selbst.
Programmieren in der Mittagspause bei den „Schnelllernern“ vom Lessing-Gymnasium
Neben seiner Arbeitsgemeinschaft an der KTG hat Falko3D-Druck schon in zwei Kindergärten vorgestellt und ist in Kontakt mit einigen Gymnasien in Mitte. Der 40-jährige leitet z.B. am Lessing-Gymnasium in Wedding eine Mittagspausen-Programmierwerkstatt für so genannte „Schnelllerner“. Das Lessing-Gymnasium ist eines von sieben Berliner Gymnasien, die „Schnelllernerklassen“ beginnend mit Jahrgangsstufe 5 anbieten. Kennzeichen sind beschleunigtes sowie vertiefendes und erweiterndes Lernen während der Unterrichtszeit. In seiner Mittagspausen-Programmierwerkstatt baut Falko zusammen mit den Gymnasiasten Computerspiele und redet mit ihnen über Datenstrukturen. Was 3D-Druck an Schulen bringt? In dem zum Schuljahr 2024/25 neu gegründeten Rosalind-Franklin-Gymnasium in der Moabiter Turmstraße berät Falko aktuell den Schulleiter dazu und auch mit dem Tiergarten-Gymnasium gibt es regen Austausch..
3D-Druck in der Moabiter Grundschule
Aktuell verfügt die KTG über zwei funktionierende 3D-Drucker. Das neue, große, schnelle und internetfähige Gerät der Marke „Snapmaker U1“ mit vier Druckköpfen bzw. vier Farben wurde bzw. wird über Spenden finanziert. Darauf ist Falko stolz, denn dies geschah sogar mit konkreter Hilfe der Kinder, die selbst loszogen, um Spenden zu sammeln. 200 Euro für einen Drucker und 600 Euro für Material kamen so zusammen. Ein weiteres Gerät vom Typ „Rostock“ wurde der AG genauso wie der Laptop, von dem aus Falko den aktuellen Druck steuert, geschenkt.
Der „Bildungsdrucker“ von „Fabmaker“
Dann zeigt er auf ein weiteres Gerät an der Wand, einen abschließbaren „Bildungsdrucker“ der Firma „Fabmaker“. Er kostete vor Jahren 10.000 Euro und ist nun ein Relikt, „Elektroschrott!“ Der traurige Grund dafür ist, dass Hersteller „Fabmaker“ pleite ging und dadurch sowohl die Software als auch die Dokumentationen und sogar die Webseite verschwanden. Als Grundlage des 3D-Drucks bezeichnet Falko die computergesteuerten CNC-Maschinen in den 1970er Jahren.
„Heute geht alles nur viel schneller und mit einem Hauch von KI.“
Kinder stellen - im Gegensatz zu Erwachsenen - 3D-Druck meist nicht in Frage, sondern legen nach kurzer Einweisung einfach los. Falko zeigt einige bisher im Rahmen der AG entstandene Werke. Darunter befindet sich ein Spielzeugbagger. Ein solches Exemplar konnten alle 12 Kinder bauen, die 2023 in der Arbeitsgemeinschaft mitmachten. Diese findet jeden Montag von 15 und 16 Uhr statt und steht grundsätzlich allen Kindern von der 3. bis zur 6. Klasse offen. Doch auch ein begeisterter Sechsjähriger war schon mal dabei. Auch wenn gerade nicht Montag und AG-Zeit ist, wird hier gedruckt. „Die Tür steht offen“ sagt Falko, denn nach einem halben Jahr AG können die Kinder schon vieles selbst.
Was ein Roboter ist und wie Programmiersprachen funktionieren
Er erklärt seinen Schützlingen gern mit einem Stiftplotter - auch Kurvenschreiber und Digitalplotter genannt - den 3D-Druck, „was überhaupt ein Roboter ist“ und wie Programmiersprachen funktionieren. Möchte er den Kinder etwas Neues beibringen, bittet er sie darum aufzustehen und sich um die Schultafel zu versammeln. Falko ist davon überzeugt, dass man nur bei einer solchen „totalen Aufmerksamkeit“ hochkonzentriert etwas Theorie lernen kann. Praktisch umgesetzt wurde als erstes Projekt der AG ein Stempelset gefolgt von einer Tiefendruckpresse als Folgeprojekt.
Ausflüge zu spannenden 3D-Druck-Orten
Insgesamt kann man sagen, dass die Kinder in der AG Medienkompetenz, räumliche Vorstellung, 3D Design sowie die Funktionsweise von 3D Druckern und 2D Druckern lernen, wie es Falko zusammenfasst. Jedes Halbjahr organisiert er zusammen mit seinem 35services-Kollegen Jan Wolf und Gregor Dill mindestens einen Ausflug zu einem spannenden 3D-Druck-Ort. Zuletzt ging es zu Philippe Bietenholz und als nächstes ist ein Besuch beim Zahnarzt „happybite“ in der Lehrer Straße geplant. Der druckt nämlich direkt in der Praxis Aufbissschienen und andere praktische Modelle.
Vasen ohne Boden, eine Murmelbahn und der illegale Türstopper
Falko zeigt mir eine rote und eine schwarze Vase ohne Boden, die eine spannende Struktur besitzen - „die musst Du anfassen!“. Außerdem sind kleine vierstufige Treppen aus Gummi sowie eine „Murmelbahn“ zu bestaunen. Die hat eine AG-Teilnehmerin aus PLA - einem organisch basierten Kunststoff - gedruckt. Als das Objekt fertig war, bemerkte das Mädchen, dass die Murmeln nicht gut durch die Bahn durchlaufen, und so brach sie gemeinsam mit ihrem AG-Leiter ein paar der Seitenstege heraus, damit die Murmeln besser durchrollen können. Auch - oder gerade - solche fehlgegangene Ergebnisse des 3D-Druckes sind wichtig, um dadurch etwas zu lernen, betont Falko. Welche Art Gegenstände die Kinder besonders reizt? Da fällt ihm zuerst der zweifarbige „illegale" Türstopper ein. Da in einer Schule aus Brandschutzgründen keine Türstopper eingesetzt werden dürfen, sind sie hier im Gebäude also illegal, so dass den Kindern das Drucken dieses Objektes besonderen Spaß bereitete. Eingesetzt sind die Buchstaben “illegal” - damit klar ist, dass der Türstopper in der Schule nicht zu benutzen ist.
Was sich AG-Leiter Falko wünscht?
Neulich besuchte Bezirksstadtrat Benjamin Fritz (CDU) die KTG und auch die 3D-Druck AG. Der Mann ist für 52 Schulen und 31 Sportanlagen in Mitte zuständig. Dabei erfuhr Falko Richter von potentiellen Finanzierungsmöglichkeiten für weitere Aktivitäten mit 3D-Druckern. Da will er mit der KTG einen Antrag stellen und schauen, ob es klappt. „Bis dahin machen wir einfach schon mal was und sammeln dafür Spenden.“ Am liebsten würde Falko seine Aktivitäten in den Schulen multiplizieren. Auch die Lehrer könnten sich damit beschäftigen, findet er. Noch ist es eine Vision, aber wer weiß: Ein Drucker für die Moabiter Bruno-Lösche-Bibliothek, betreut von seinen AG-Kindern, „das wär was!“
Kontakt
Falko Richter: Tel. 015157401235, E-Mail: falko@35services.de
https://35services.de/ag/ - wem das Projekt gefällt, der kann gern spenden
Blog vom ersten Jahr: https://35services.de/2024/diy-eine-3d-druck-und-elektronik-ag-an-der-ktg/
Text & Fotos: © Gerald Backhaus 2026